Buchtipp von Edgar Schuster

Vandams gibt es überall. Man könnte auch in Marzahn oder in Dresden in eine Kneipe der Plattenbausiedlungen gehen und würde auf den Schwätzer treffen, den der tschechische Autor Jaroslav Rudiš in einer Kneipe in einer Plattenbausiedlung im Norden Prags eine Suada der Menschenverachtung und Gewalt von sich geben lässt.

1989 will Vandam auf der Nationalstraße der Prager Altstadt als junger Polizist mit dem ersten Schlag die "Samtene Revolution" in Gang gesetzt haben. Mehr als zwanzig Jahre später ist er alles andere als ein Held. Wegen Gewaltexzessen aus dem Polizeidienst entlassen, lebt er immer noch in der Plattenbausiedlung seiner Kindheit, verdient sein Geld als Dachlackierer und verschafft sich Respekt, indem er in seiner Stammkneipe einen Störenfried krankenhausreif prügelt.

"Du musst stark sein. Du musst trainieren. Wer nicht gerüstet ist, für den ist es aus." Gegen wen und was man sich rüsten muss, bleibt diffus wie bei Pegida, gleich hinter dem Erzgebirge. Ob Penner, Punks, „Neger“, „Ökobiofeministinnen“, Politiker: Vandam hat gegen viele was. Er, der bei der Samtenen Revolution von Anfang an dabei war, hat die Kurve im neuen System irgendwie nie mehr gekriegt.

Der 2013 in Tschechien erschienene Roman ist aktueller denn je, und wer eine Ahnung davon haben will, warum Osteuropa/Ostdeutschland keine Flüchtlinge mag, sollte dieses Psychogramm eines Wendeverlierers lesen.

Rudis, Jaroslav
Luchterhand Literaturverlag
ISBN/EAN: 9783630874425
14,99 €
Kategorie:
Belletristik