Ausgekocht (gebundenes Buch)

Roman
ISBN/EAN: 9783887473679
Sprache: Deutsch
Umfang: 224 S.
Format (T/L/B): 2.3 x 22 x 14.8 cm
Einband: gebundenes Buch
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Paula, nach langer Zeit als Aussteigerin in Australien zurück, pachtet einen Zeitungsladen in Berlin-Neukölln, der sich in dem dortigen speziellen Milieu großen Zuspruchs erfreut. Besonders bei den Bewohnern des Hauses, zu dem der Laden gehört: u.a. zwei erfolglose Maler, ein Küchenphilosoph, eine vegane Hebamme, eine perfekte Witwe, ein Psalme rezitierender Rentner und Jolande, eine füllige Metzgerstochter, die eine Suppenküche für Arme betreibt, in der aus der Bahn geworfene Jugendliche Kochen lernen können, und deren Mann sie notorisch betrügt. Diese filmreife Idylle fängt an zu bröckeln, als eine blonde Spanierin namens Dolores im Hinterhof tot unter der Feuerleiter liegt. Paula, die den Absturz zufällig beobachtet hat, wird sofort verdächtigt, andere bezichtigen sich gegenseitig so hemmungslos, dass der ermittelnde Kommissar von einer Sackgasse in die nächste taumelt. Als dann noch die schöne, aber taubstumme Polin, die den Malern als Modell und dem Mann der Metzgerstochter eher als Model diente, spurlos verschwindet, wird es richtig spannend. Wurde sie auch ermordet, und wenn ja, warum und wie und von wem? Hatte es vielleicht mit Drogen zu tun oder mit Eifersucht? Einer der Jugendlichen aus der Suppenküche, der sich Fixolotl Killover nennt, kommt der Wahrheit gefährlich nahe.
Marion Schmid, 1954 in Crailsheim, geboren, 1974 bis 1979 Studium an der FU Berlin: Religionswissenschaft, Germanistik, Philosophie. Seither unterschiedliche Tätigkeiten als Verlegerin (Medusa Verlag), Lektorin, Filmregisseurin, Ausstellungsmacherin und freie Autorin. Zuletzt erschien bei Piper der Roman »Carla kocht«, unter dem Pseudonym Anna Zierhut. Seit 2011 macht sie sich einen Namen als Eismacherin und Inhaberin der »eisbox«, Berlin-Moabit.
1 Metzgerstöchter sind halt so. Wozu sollen die schön sein? An diesem Tag aber wollte sie es sein, mehr denn je. Dass er ihren Geburtstag vergessen hatte - geschenkt. Kleinlich war sie auf keinen Fall. Nur ein bisschen geliebt wollte sie werden, verdammt noch mal. Immerhin war es ihr Geburtstag. Sie hatte geplant, ihn zu überraschen, mit einem von den Erzeugnissen der Schönheitsindustrie halbwegs geglätteten Körper, einem Teint, der mit etwas Glück wenigstens halb so makellos war, wie es der Hersteller versprach. Stundenlang arbeitete sie an sich. Und an einer kräftigenden Suppe, für den Fall, dass alles andere doch nicht half. Ihre Suppen aß er gern, darauf verstand sie sich wie keine zweite. Sowas können Metzgerstöchter. Wie eine Geisha die Schälchen mit Tee trug sie die Suppe vor sich her. Der Kimono öffnete sich bei jedem Schritt. Vielleicht sah das alles in allem ja doch verführerisch aus? Dann ein Seufzer. Nein, der kam nicht von ihr. Dazu war er zu lustvoll. Und die Tür zum Schlafzimmer war geschlossen. Ob er jetzt wirklich so weit ging? Sich mit seinen Gespielinnen dort zu vergnügen, wo doch eigentlich sie selbst liegen müsste? Nicht, dass so etwas zum ersten Mal geschah. Aber hier, in dem Haus, das sie mit ihm teilte, in dem Bett, das auch ihres war? Die Tür aufreißen, mit den Suppenschälchen nach den beiden schmeißen, der Inhalt fast noch kochend heiß - nein, das nicht. Sie bückte sich, um die Schälchen abzustellen. Sah dabei ihre haarigen, stämmigen Beine, die breit getretenen Füße. Klar, eine Metzgerstochter. Schamröte legte sich über ihr Gesicht. Dann brachte Wut einen helleren Schimmer auf ihre Haut. Jetzt reichte es. Was bildete der Kerl sich überhaupt ein? Metzgerstöchter können auch anders. In Jeans, Jacke und Pullover stieg sie in den Wagen. Trübmatschiger Februar lag über den Straßen Neuköllns. Sie fuhr los, wusste nicht wohin, nicht ein noch aus. So viel Wut, so viel Scham. Dann fiel ihr jemand ein, ein Freund des Hauses. Einer, der gerne redete, für alles Verständnis hatte. Und wer weiß, vielleicht wartete er nur darauf, verführt zu werden? Von ihr, ja, von ihr. Von der Metzgerstochter. Er verließ gerade das Haus, als sie anhielt. 'Wolltest du zu mir? Na, da hast du aber Glück!' Er wedelte mit einem Briefumschlag. 'Der muss zur Post, dringender Auftrag.' Sie forderte ihn auf einzusteigen. Sie roch, dass er nicht nüchtern war. Konnte sich das gut oder schlecht auf ihre Pläne auswirken? Der Briefkasten war nicht weit. Als er sich wieder neben sie setzte, hatte sie den Motor ausgeschaltet. Ob ihr Augenaufschlag halbwegs verführerisch war? Etwas schien er doch zu bemerken. 'Wie guckst du denn?' Er lachte. Sie nahm all ihren Mut zusammen und beugte sich zu ihm. 'Küss mich doch mal, ich hab heut Geburtstag!' Er roch nach Bier - und anscheinend auch gleich den Braten. 'Klar, ein Küsschen unter Freunden!' Er schmatzte auf ihre Backe. 'Könnten wir zu dir gehen?' Er sah sie fassungslos an. 'Du und ich? Na, hör mal, wie kommst du denn auf so eine Schnapsidee!' Er rettete sich in Gelächter. 'Lass uns lieber irgendwo noch was trinken. Auf dein Wohl natürlich.' Gleich darauf schnurrte der Motor wieder, sie am Lenkrad saß wie versteinert. Wieder hochrot im Gesicht. Er redete neben ihr, wortreich wie immer. Sie fuhr deutlich schneller als erlaubt. Sie sah sich selbst dabei - hässlich, zu stark behaart, nicht mehr die Jüngste. Eine, die keiner wollte. Wozu strengte sie sich eigentlich immer so an? Wenn sie doch keine Chance hatte? Wieso nicht einfach so sein, wie die anderen sie sahen? Plump, hässlich, dumm. Nein dumm, das nicht. Aber sollten sie das ruhig glauben. Und in Wirklichkeit hässlich auch Innen, so richtig gemein, ein haariges, gerissenes Biest, das sich nichts mehr gefallen ließ. Ob das eine Lösung wäre? 'So langsam hab ich wirklich Durst', machte er auf sich aufmerksam. 'Fahr doch nach Kreuzberg rüber, da ist auch jetzt noch was los.' Sie fuhr gerade an der Hasenheide vorbei, aus eine